Interkulturelles Lernen und Zweisprachigkeit
in der bolivianischen Bildungsreform
Im Juli 1994 ist in Bolivien das Gesetz der Bildungsreform verabschiedet worden, in dem festgehalten ist, dass die bolivianische Erziehung "partizipativ, interkulturell und zweisprachig" ist. Was für eine Bedeutung haben diese Begriffe im bolivianischen Kontext? Im Folgenden dazu ein paar Überlegungen.
1. Participación popular / Volksbeteiligung
1994 ist in Bolivien das Gesetz der Volksbeteiligung erlassen worden, das nicht nur das Bildungswesen betrifft. Hier soll aber nur beleuchtet werden, wie im Gesetz der Bildungsreform von (Volks-)Beteiligung gesprochen wird:
- Das bolivianische Bildungssystem gilt als Grundlage für die INTEGRATION und PARTIZIPATION Boliviens in der regionalen und globalen Gemeinschaft der Nationen.
- Es gehört zu den politischen Absichten des bolivianischen Staates, ein INTERKULTURELLES UND PARTIZIPATIVES BILDUNGSSYSTEM zu bilden, das den Zugang aller Bolivianer/innen zur Bildung ermöglicht, ohne jegliche Diskriminierung der Ethnie, der Kultur, der Region, der sozialen Klasse, sowie ohne Einschränkung physischer, mentaler, sensorialer, geschlechtlicher, religiöser und altersmässiger Art.
- Die bolivianische Erziehung setzt sich zum Ziel, durch die Realisierung der Geschlechtergerechtigkeit die AKTIVE BETEILIGUNG der FRAU in der Gesellschaft zu fördern.
- Konkret wird die Volksbeteiligung wie folgt organisiert:
- Der Schulrat, in dem lokale Basisorganisationen vertreten sind, mit ausgeglichener Beteiligung beider Geschlechter.
- Der Rat der "Zentral-" oder "Kernschule", der aus MitgliederInnen des Schulrats und der Distrikt- und Subdistrikträten besteht. [MehrereSchulen bilden ein Netz, das um eine Zentralschule herum organisiert ist. Auf dem Land sind mehrere verstreute "Sektions-"Schulen einer "Kern-"Schule ("núcleo") angegliedert.]
- Die Wohlgeborenen Munizipalräte [Bolivien ist seit 1994 administrativ in 314 Munizipien aufgeteilt]
- Die Departamentalen Schulräte [Bolivien besteht aus 9 Departamenten, vergleichbar den Schweizer Kantonen], die aus VertreterInnen der Distriktsräte, der Departamentalen LehrerInnengewerkschaft, der öffentlichen und privaten Universitäten und der StudentInnenorganisationen gebildet werden.
- Die Erziehungsräte der Indigenen Völkerorganisationen (der Aymaras, Quetschuas, Guaranís und Multiethnischen Amazonier)
- Der Nationale Erziehungsrat, der zusammengesetzt ist aus: VertreterInnen jeden Departamentalrates, der bildungsräte der Indigenen Völkerorganisationen, der Nationalen Gewerkschaftlichen LehrerInnenkonfederation, der Bolivianischen Arbeiterzentrale, der Privatunternehmerkonfederation, der Bolivianischen Landarbeitergewerkschaft und der Orientalen Indígena-Konfederation. Die Leitung dieses Nationalen Bildungsrates übernimmt der Nationale Bildungs-Sekretär...
- Der Nationale Erziehungskongress, der alle Gesellschaftssektoren vereint und die Entwicklung und Fortschritte des Nationalen Erziehungswesens untersucht, wird mindestens einmal alle fünf Jahre einberufen.
2. Bilingüismo / Zweisprachigkeit
Im ersten Grundsatzartikel über Grundlagen und Zweck der Bolivianischen Erziehung wird diese u.a. wie folgt charakterisiert:
- [Die Bolivianische Erziehung] ist INTERKULTURELL und ZWEISPRACHIG, weil sie die soziokulturelle Heterogenität des Landes in einer Atmosphäre des Respekts zwischen allen Bolivianern und Bolivianerinnen einbezieht.
Weiter:
- Die Erziehungsräte der Indigenen Völkerorganisationen sind an der Formulierung von Bildungspolitiken beteiligt, insbesondere was Interkulturalität und BILINGUISMUS betrifft.
Über die Strukturierung des Kurrikulums werden im Artikel 9 allerdings zwei Sprachmodalitäten unterschieden:
- Einsprachig, in spanischer Sprache, mit Erlernen irgendeiner indigenen Nationalsprache
- Zweisprachig, in einer indigenen Nationalsprache als Erstsprache; in Spanisch als Zweitsprache
Kommentare
- In einem Land wie Bolivien, in dem über 30 Sprachen gesprochen werden, sollte weniger von Zwei- als vielmehr von Vielsprachigkeit die Rede sein.
- Offiziell sind nur zwei dieser Sprachen als Nationalsprachen anerkannt, nämlich Quetschua und Aymara.
- Bereits im Reformgesetz wird die Zweisprachigkeit ungleich gewertet, je nachdem ob Spanisch oder eine indigene Sprache die Erstprache ist. Konkret sieht es so aus: Wer Spanisch als Muttersprache hat, wird ab dem 6. Schuljahr ein-zwei Stunden in der Woche Aymara, Quetschua oder ev. eine weitere indigene Sprache lernen. Wer hingegen eine indigene Muttersprache hat und im Kindergarten sowie in den ersten drei Primarschuljahren das Glück hat, in eine zweisprachige Schule zu kommen - die es ohnehin nur auf dem Land gibt - , wird zwar zuerst in seiner Muttersprache betreut und alphabetisiert, mit der Zeit auch vermehrt in Spanisch, damit er/sie ab dem 4. Schuljahr dem Unterricht auf Spanisch folgen kann. Dies ist denn auch die bisher am häufigsten praktizierte Modalität: der Übergangsbilinguismus (Bilingüismo de transición). In den wenigsten Fällen wurde und wird die Zweisprachigkeit die ganze Schulzeit hindurch und in den verschiedenen Schulfächern beibehalten: in diesem Fall spricht man von einem Erhaltungsbilinguismus (Bilingüismo de mantenimiento). Diese Modalität beinhaltet eine wichtige, auch politische Aufwertung der indigenen Sprachen und wird bisher (deshalb?) nicht in den Städten praktiziert, obwohl - gerade in Randzonen - sehr viele Immigranten aus ländlichen Zonen und mit indigener Muttersprache eingeschult werden. Fazit: Sowie bereits in der Formulierung des Gesetzes eine unterschwellige Minderbewertung der indigenen Sprachen abzeichnet, werden in der Praxis die Kinder indigener Muttersprache in der Regel benachteiligt und diskriminiert.
- Dabei könnten die BolivianerInnen - auch diejenigen spanischer Muttersprache - grosses Kapital aus einer von Anfang an zweisprachig gestalteten Erziehung schlagen: aus verschiedensten internationalen Kreisen sind Forschungsergebnisse bekannt, wonach die Zwei- (oder Mehr-)sprachigkeit keineswegs Nachteile, sondern vielmehr Vorteile für die Entwicklung des Kindes bringt.
3. Interculturalidad / Interkulturalität
Zu den oben erwähnten Gesetzesartikeln der Bildungsreform kommt noch folgender mit Bezug auf die Ziele und Politiken der kurrikularen Organisation hinzu:
- Ein flexibles, offenes, systemisches, dialektisches und integrierendes Kurrikulum anbieten, welches sich in allen Erziehungsaktivitäten an folgenden Zielsetzungen orientiert: nationales Bewusstsein, Interkulturalität, Erziehung für die Demokratie, Respekt für den Menschen, Erhaltung der Umwelt, Vorbereitung auf das Familienleben und menschliche Entwicklung.
Kommentare
- Interkulturalität wird weder im Gesetz noch in begleitenden Materialien zur Auslegung der Reform hinreichend definiert, obwohl es einer von drei Grundpfeilern dieser Reform gilt. Es wird suggeriert, dass darunter die Vielfalt der bolivianischen Kulturen und der gegenseitige Respekt dieser Kulturen zu verstehen sei, und damit hat es sich dann.
- Fragt man SchullehrerInnen, die mit der zweisprachigen und interkulturellen Erziehung betraut sind, so machen die meisten keinen grossen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen und sehen die Bedeutung der Interkulturalität vor allem darin, die "[indigene] Kultur wiederzugewinnen / zu retten (rescatar)". Dass sich diese Auffassung bei jeder Gelegenheit in folkloristischen Darbietungen der SchülerInnen ausdrückt, ist dann nicht weiter verwunderlich.
- Tatsächlich aber steckt im Begriff "interkulturell" ein weit breiterer Horizont: Die interkulturelle Erziehung stellt eine pädagogische Strategie dar, welche im weiten Sinne die Entwicklung mündiger, sich und andere achtender kritischer BürgerInnen einer demokratischen Gesellschaft auf nationaler, übernationaler oder globaler Ebene anstrebt. Dabei stehen folgende menschliche Haltungen und Kompetenzen im Vordergrund: kritisches Analyse- und Kontrastierungsvermögen, konstruktive Dialoghaltung, Selbstkompetenz in Sachen Identität, Wertschätzung anderer Kulturen, kognitive Fertigkeiten im Umgang mit dem Fremden, Konfliktfähigkeit, Sinn für Gleichberechtigung u.ä.m. Lernprozesse, die solche Werte fördern, gehen von den Vorkenntnissen und kulturellen Voraussetzungen der SchülerInnen aus, und werden vonVorteil in deren Muttersprache abgewickelt. Diese Behauptung scheint für einen Schweizer Leser müssig, deren Umsetzung ist aber im bolivianischen Kontext durchaus keine Selbstverständlichkeit.