Ecos de La Paz

No 03 / Septiembre 2002

Daniel Ott & Irene Fröhlicher
Casilla 4524
La Paz
Bolivia
Tel. +591-2-2495343
daniel@interlama.net
irene@interlama.net
www.interlama.net
Das Kopieren, Verteilen und Verschicken dieses Rundbriefes ist erwünscht!

THEMEN
Ein- und Ausblicke ¤ Stimmungsbild ¤ Lehrerdasein in Bolivien ¤ AYMARAT PARLAÑANI - Sprechen wir über die Aymara-Sprache ¤ Die Aymaras zwischen Selbsfindung und -zerstörung ¤ Wahlen 2002 ¤ Lebenskosten ¤
Wer ist INTERTEAM?
BEILAGEN
Ecos aus den Projekten von Irene und Daniel ¤ Ecos aus dem Projektumfeld: Biodiversität und Indígenas ¤
Identität und Sprachverlust der indigenen Völker ¤ Fotobericht (nur Web): Reise in den Sueden von Bolivien
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Sajama: Baden auf 4200 Meter
Sajama: Baden auf 4200 Metern
(Foto Herbert Schmid)

Ein- und Ausblicke

Viel Arbeit, Reisen, Naturgewalt, Lehrerstreik und Präsidentschaftswahlen… diese und andere Höhepunkte halten uns seit dem letzten Rundbrief auf Achse und liessen uns nicht die gewünschte Ruhe, um dritten Rundbrief zu schreiben. Hier das Wichtigste in Kürze:

Ein Jahr nach unserer Ankunft in Bolivien gönnten wir uns eine Entdeckungsreise in den Süden des Landes, auf der wir die Weite des Altiplano, die verflossene Grösse der historischen Silberhauptstadt Lateinamerikas - Potosí -, die Weinreben und üppiggrüne Bergwelt von Tarija sowie die kolonialweisse Landeshauptstadt Sucre bewundern konnten. Ein paar Einblicke können geneigte LeserInnen im virtuellen Reisebericht gewinnen. Wie die Altagslaune aussieht, wenn wir gerade nicht auf der Walz sind, beschreibt das Stimmungsbild nebenan.
Über den Verlauf der Arbeit in unseren Einsätzen geben die gesonderten Projektseiten von Irene und Daniel Auskunft.
Im Umfeld unsere Projekte beschäftigen wir uns mit Identität und Sprachverlust der indigenen Völker sowie mit Biodiversität und Indígenas.

Am 19. Februar hat in La Paz der Hagel des Vierteljahrhunderts zugeschlagen: über 70 Tote und viele Verletzte hat das Unwetter verursacht. Die Berichterstattung über die Medien, v.a. über das Radio (TV haben wir keinen!) waren beeindruckend und liessen uns erst wahrhaben, was für ein Drama sich wenige cuadras von unserer Wohnung entfernt abspielte. Seitdem ist unser Respekt gegenüber der südamerikanischen Naturgewalt nachhaltig gewachsen.

Als sich die Wogen (aber nicht die Folgen) dieses naturgewaltigen Ereignisses etwas gelegt hatten, manifestierte die Lehrerschaft ihre massive Unzufriedenheit und trat, drei Wochen nach Schuljahrbeginn, in einen 3wöchigen Streik. Mehr darüber im Artikel weiter unten.

Das Problem kultureller und sprachlicher Minderheiten kennen wir zwar schon aus der Ostschweiz, doch zum täglichen Brot gehört es für Irene erst hier: dazu eine Einführung zu Sprache und Selbstverständnis der Aymaras.

Nachdem General Banzer ein Jahr vor dem Termin wegen Krebs das Zepter an Tuto Quiroga abgegeben hatte, wurden am 30. Juni 2002 die Karten wieder neu gemischt. Dazu ein Wahlbericht im Anschluss.

Stimmungsbild

Im Ausreisekurs vor anderthalb Jahren konfrontierte uns Interteam mit einer erfahrungserprobten Fieberkurve, welche modellhaft die Entwicklung der Gefühlslage von Freiwilligen im Einsatz darstellen sollte.
Wenn uns die Erinnerung nicht täuscht, fing es mit einer zögernden, dann mehr oder weniger steilen Aufwärtskurve der Begeisterung im ersten Abschnitt an, die nach ersten Ernüchterungen im zweiten Abschnitt in niedrigere Lagen abflachte, um dann allmählich mit neuem Schwung in eine steigende Reifewollust überzugehen, und bei der Aussicht auf baldigen Abschied wieder in eine fallende Abgrenzungskurve mündete.

Wie sehen die Eckdaten des Stimmungsbarometers bei uns aus (werden wir zuweilen gefragt)?
Obwohl die politischen Wellen sich hier direkter auf das Alltagsleben übertragen können (z.B. Preisaufschläge auf dem Markt wegen Strassenblockaden im Unterland; tageweise keine Transportmöglichkeit nach El Alto wegen Streiks), verläuft unser Leben hier in La Paz in ziemlich geordneten Bahnen.

Die Zunahme der zu erledigenden - und weitgehend befriedigenden - Arbeiten hat unsere Freizeit etwas eingeschränkt, so dass nicht viel Zeit und Energie übrig bleibt, um in der Küche kreativ zu sein oder ein Kino, Konzert oder Theater zu besuchen.

Der geistigen Enge, die sich dabei mitunter spürbar macht, versuchen wir oft über das Internet zu entfliehen, allerdings wiederum in Computerstellung... Der Mailverkehr mit Schweizer Bekannten hilft uns sehr, den Kopf aus dem Alltag herauszustrecken: wir freuen uns auf jede, auch noch so kurze Meldung aus Übersee.

Am meisten Aufschwung erleben wir bei unseren Ferienreisen, Daniel auch öfter auf Geschäftsreisen. Darüber hinaus hat sich Daniel zu einem häufigen Besucher des Goethe-Instituts gemausert, aus dessen Bibliothek er mit sicherem Griff (auch blind) die neusten Schweizer Romane herauszieht. Er löst damit Irene ab, die im ersten Jahr die Bibliothek der Alliance Française frequentierte.

Fazit: Wir nähern uns auf dem Stimmungsbarometer unter Umgehung rasender Talfahrten scheinbar dem Stadium der Reifewollust.
Relaxen auf dem Titicaca-See
Relaxen auf dem Titicaca-See



Lehrerdasein in Bolivien

Eine Primarschullehrerin arbeitet in der Regel morgens von 8:30 bis 12:30, mit durchschnittlich 35-40 Kindern, und erhält dafür Ende Monat umgerechnet 90 Franken.
Ein Vergleich dazu: Eine Frau, die bei Herrschaften der Mittelklasse einen Monat lang bei der Familie wohnt und für sie putzt, kocht und wäscht, erhält neben Kost und Logis Ende Monat 65-80 Franken.
Kein Wunder geniesst der Lehrerberuf in der Gesellschaft ein geringes Ansehen. Wenn die Lehrerin Glück hat, besucht sie zwischendurch der Berater der Schulreform und hilft ihr bei der Unterrichtsplanung oder zeigt ihr didaktische Alternativen im Umgang mit Schulstoff und SchülerInnen. Dieser trägt Ende Monat 370 Franken nach Hause, was seiner Beliebtheit in Lehrerkreisen gewisse Grenzen setzt.
In einem Machtkampf zwischen dem Bauernführer "Mallku" und der früheren Erziehungsministerin, hat jener die Ausweisung der Reformberater aus den ländlichen Gegenden des Departements La Paz erwirkt. Die Vertriebenen überschwemmen zur Zeit die Schulen in der Stadt, wo zuweilen schon bis zu 4 solcher "Asesores" an einer Schule auftauchten.
Eine Kompetenzstufe höher treffen wir auf die Sachbearbeiter im Bildungsministerium: diese verdienen monatlich 2660 Franken und mehr…

LehrerInnen

Dem Lehrerverband offerierte die damalige Erziehungsministerin eine Gehaltserhöhung von 4-5%, was pro Arbeitstag etwa 1 Boliviano (20 Rappen) entspricht (die Gewerkschaft verlangte dagegen 1.70 Boliviano Erhöhung). Dafür würde es Ende Jahr den Bonus für die Erfüllung der 200 Arbeitstage nicht mehr geben. Die Ministerin verkündete gleichzeitig, dass diejenigen Lehrer, welche 6 Tage hintereinander gestreikt hätten, entlassen müssen.
In die Zeit fiel auch der Beschluss, dass es in der unteren Primarschule fortan keine Handwerks- und Musiklehrer mehr geben sollte, und deren Aufgaben nun die Klassenlehrer übernehmen müssen.
Nachdem die Verhandlungen zwischen dem Lehrerverband und dem Ministerium gescheitert waren, gab es nur noch die Mobilisierung: Grosskundgebungen und Strassenblockaden, die die Innenstadt lahm legten.
Weitere Müsterchen: im November 2001 hiess es plötzlich, die Lehrer/innen vom Land (d.h. mit Ausbildung an einem ländlichen Lehrerseminar), sollten ab dem nächsten Schuljahr (Februar 2002) aufs Land zurückkehren müssen. Gründe und Erklärungen dazu gab es keine. Man stelle sich die Reaktion einer Lehrerfamilie mit Kindern vor, die bereits eingeschult sind, und der Ehefrau, die eine Arbeitsstelle hat… Es ist wirklich kaum zu fassen, wie das eigene Ministerium mit seiner Zielbevölkerung umgeht.

Nachdem der Lehrerverband eine Verfassungsbeschwerde gegen die Versetzung der "LandlehrerInnen" erfolgreich eingereicht hatte, und die Auszahlung des Jahresbonus wiederhergestellt war, fand der Streik ein Ende.

Lohnerhöhung gab es allerdings keine.

AYMARAT PARLAÑANI -
Sprechen wir über die Aymara-Sprache

Irenes neues "Hobby" ist die Aymara-Sprache. Sie wird von einer Bevölkerung von ca. 2 Mio gesprochen, von denen etwa 80% in Bolivien, und der Rest in Peru und Chile leben.

Aymara gehört zu einer Sprachfamilie (jaqi oder aru), die aus drei Zweigen besteht, wovon einer als ausgestorben gilt und der zweite auf dem Weg dazu ist. Unter den Gelehrten streitet man sich immer noch, ob Aymara und Quetschua denselben Ursprung haben.

Die historische Unterdrückung der indigenen Völker hat heute zur Folge, dass viele (in die Stadt eingewanderten) Eltern versuchen, ihre Wurzeln zu verstecken und ihren Kindern verbieten, in der Öffentlichkeit Aymara zu sprechen.

Wie "funktioniert" diese Sprache, welches sind ihre Besonderheiten?

Aymara unterscheidet nur drei (nicht fünf) Vokalphoneme: A-I-U und zählt zu den agglutinierenden Sprachen, d.h. gleicht von seinem Aufbau her etwa dem Türkischen und Ungarischen: einer Wurzel werden mit z.T. unzähligen Suffixen Zusatzinformationen angehängt, die sehr feine und komplexe Bedeutungsnuancen auszudrücken vermögen.

Schulkinder

Hierzu ein paar Beispiele:
uta Haus
utachaña "Häusle baue" (wörtl.: Haus machen)
utajachaña mein Haus bauen
utajanakachaña meine Häuser bauen
Es gibt gut 200 Suffixe, mit denen über 360 Mio verschiedene Verbformen gebaut werden können (hat mal eine Forscherin ausgerechnet…).

Bei der Konjugation der Verben wird zwischen 4 grammatischen Personen unterschieden (ich-du-er/sie-wir), wobei es ein alle Anwesenden einschliessendes und ein Drittpersonen ausschliessendes WIR gibt.
In der Vergangenheit des Verbs unterscheidet der Sprecher ausserdem genau, ob er etwas selber Gesehenes oder anderweitig Gehörtes wiedergibt.
Aymara verzichtet auf Artikel und Genus-Markierung bei Personalpronomen, Verben und Substantiven, kennzeichnet hingegen mit eigenen Wörtern, ob Steine, Berge u.a. von ihrem Wesen her weiblich oder männlich sind...

Lektion Null für erste Annäherungsversuche:
Kamisasktasa Wie geht es Dir?
Walikïsktwa Es geht mir gut.
Jumasti Und Dir?
Walikiraki Auch gut.
Jikisiñkama Auf Wiedertreffen.


Die Aymaras zwischen Selbstfindung und -zerstörung

Eine der über 30 Ethnien Boliviens ist das Aymaravolk, mit dem sich ein Viertel der Bevölkerung Boliviens identifiziert (1,3 Mio). Die Aymaras leben grösstenteils auf der Andenhochebene und sind traditionsgemäss ein Volk von Bauern und Viehhaltern. Aufgrund der Migrationsbewegungen sind sie heute aber in allen Landesteile anzutreffen.

In der Kosmovision der Aymaras besteht die Welt aus drei Bereichen, die zusammen im Gleichgewicht stehen (sollten): Aka Patscha (Hierwelt, in der die Menschen, Tiere, Pflanzen und Geister der Berge und Wasser herrschen), Alach Patscha (Obenwelt, in der die Lebensgeister wohnen - Sonne, Mond, Sterne…-) und Manqha Patscha (Untenwelt, die von meist unheilbringenden Geistern bevölkert ist).

Die Einheit und Ausgewogenheit dieser dreiteiligen Welt ist zum Vorteil des Menschen und erfordert auch dessen Mitwirkung: zu bestimmten Zeitpunkten und an bestimmten Orten nehmen die Yatiris (Weisen) mit den erwähnten Kräften Verbindung auf, opfern z.B. der Mutter Erde/Natur Lamablut, Kokablätter, Alkohol, Süssigkeiten u.a., um sie günstig zu stimmen.

Im Monat August wird die Pachamama ausgiebig "gefüttert", weil sie nach dem Winterschlaf nun erwacht, und sie mit Geschenken für die Saat um die Erlaubnis und gutes Gedeihen gebeten wird.
In den Minen wird der Tío ("teuflischer Onkel", Geist der Unterwelt) ebenso mit Kokablättern, Zigaretten und Alkohol beschenkt (z.T. übergossen und angezündet), damit er die Minenarbeiter auf eine gute Erzader stossen lässt.
Tio

Alles Schall und Rauch?

Diese Rituale gehen mit einer sehr genauen Beobachtung der Naturphänomene (ca. 460 Zeichen) und des Sternenhimmels einher, auf deren Grundlage der Verlauf des Produktionsjahres vorausgesagt wird.
Die tief gläubigen Menschen tragen durch ihr Eingebettetsein in die kosmischen Kräfteverhältnisse eine bewusste Verantwortung gegenüber der Umwelt, und sie haben dadurch jahrhundertelang eine ökologisch angepasste Landwirtschaft betrieben, welche durch die Mechanisierungs-, Vereinheitlichungs- und Optimierungsideen "westlichen" Einflusses allmählich zerstört werden.
Als "Personen" mit Verantwortung und Bürgerreife gelten unter den Aymaras nur diejenigen, die einen Familienbund eingegangen sind, denn die Vereinigung der als komplementär empfundenen Geschlechter bildet die kleinstmögliche Zelle des Gesellschaftslebens.
Eine Hochzeit ist dabei nicht unbedingt erforderlich, da es in dieser Kultur eine sog. Probezeit des Zusammenlebens gibt (sirwiñaku), welche sich über Jahre hinziehen kann und nach dem 2. Jahr juristisch als de facto Verheiratung gilt.

Wahlen in Bolivien

Am 30. Juni herrschte wieder einmal absoluter Stillstand im ganzen Land: weder in öffentlichen Bussen noch im privaten Auto, weder auf zwei - noch auf vier Beinen war das Herumreisen erlaubt. Bars, Restaurants und Läden, ja sogar die Märkte blieben den ganzen Tag geschlossen.
Nein, es wurde nicht schon wieder eine Volkszählung durchgeführt. Dennoch, geöffnet waren an diesem Sonntag nur Kirchen und natürlich die Wahlbüros, denn es mussten (bei Anstellungsverbot im öffentlichen Dienst und Geldstrafe im Unterlassungsfall) Parlament, Senat und Regierung neu gewählt werden.

Der vorangegangene Wahlkampf war über weite Strecken enttäuschend: anstatt Regierungsprogramme vorzustellen, suhlten sich die Parteien im Dreck ihrer politischen Gegner, welche als Landesverräter oder Steuern-Hinterzieher beschimpft, als heimliche Besitzer von unlauteren Vermögen im Ausland enttarnt oder als Marionette der Drogenmafia deklassiert wurden.
Die für die Qualität des Wahlkampfes bezeichnenden Slogans der wichtigsten Parteien hiessen "Sí, se puede!" ("Ja, wir können!", MNR = Neoliberale); "Cambio positivo!" ("Positiver Wechsel"!, NFR = Populisten); "Somos el pueblo, somos MAS!" ("Wir sind das Volk, wir sind mehr!", MAS = Sozialisten); "Bolivia para los Bolivianos!" ("Bolivien den Bolivianern!", MIR = Opportunisten).

[Amerkung D.O.:Die deutschen Bezeichnungen der Parteien sind rein subjektiv und entbehren jeder wissenschaftlichen nicht jedoch empirischen Grundlage.]
Mit dem Versprechen die Todesstrafe wieder einzuführen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen, versuchte die ultra-rechte Regierungspartei (ADN) Stimmen zu gewinnen.
Dabei argumentierten ihre Kandidaten, dass die Todesstrafe vom Volk ja schon längst wieder eingeführt sei und verwiesen auf die in letzter Zeit stark zunehmende Lynchjustiz in den Vororten von El Alto und anderen Städten Boliviens, wo ein aufgebrachter Pöbel jeweils mutmassliche Einbrecher folterte und aufhängte, ohne dass sich die Polizei einzuschreiten getraute. Die indirekte Rechtfertigung solcher barbarischen Verbrechen brachten der Rechtspartei jedoch kaum Stimmen ein.
[Anmerkung:Die Regierungszeit des General Banzer - Nachfolgers und ADN - Präsidenten Tuto Quiroga wird von der unabhängige "Versammlung der Menschenrechte" als die blutigste aller demokratischer Regierungen qualifiziert: 27 zivile Tote bei sozialen Unruhen in nur 5 Monaten, wobei in der gleichen Zeit im Durchschnitt pro Tag zwei Menschen verletzt und eine Verhaftung vollzogen wurde.]

Die Wahlprognosen verkündeten einen klaren Sieg für die Populisten (NFR). Wie so oft in Bolivien, kam es jedoch ganz anders: Knapper Wahlsieger wurden die Neoliberalen (MNR: 22.46% der Stimmen) mit ihrem Spitzenkandidaten Gonzalo Sánchez de Lozada - kurz Goni genannt, der bereits von 1993 - 1997 als Präsident amtete.
[Kurios: Am frühen Morgen des Wahlsonntages fand auch der Fussball-WM-Final Brasilien - Deutschland statt. In der Pause, also knapp zwei Stunden vor der Eröffnung der Wahllokale, zeigte das staatliche Fernsehen Goni zunächst minutenlang ohne Kommentar und interviewte ihn anschliessend sogar noch. Dieses Privileg wurde den anderen Spitzenkandidaten nicht gewährt, im nachhinein aber meines Wissens auch von keinem kritisiert.]


Die grosse Überraschung der Wahl war das hervorragende Abschneiden der Sozialisten unter Evo Morales (MAS: 20,94%).
Evo führte vor der Wahl zusammen mit den Coca-Bauern in Chapare erbitterten Widerstand gegen die offizielle Drogenpolitik, was Strassenblockaden und blutige Zusammenstösse mit den speziellen Anti-Drogen-Sicherheitskräften provozierte sowie im - später vom Verfassungsgericht als rechtswidrig beurteilten - Ausschluss von Evo aus dem Parlament gipfelte.
Mit Evo Morales ist es erstmals einer Partei gelungen, die Stimmen der unzufriedenen, da von den wirtschaftlichen Entwicklung ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen zu vereinen, d.h. vor allem der Bauern und indigenen Völkern, die auf dem Land oder in den Vorstädten unter Bedingungen von Armut oder extremer Armut leben. Berücksichtigen wir den Umstand, dass gerade in den ärmeren sozialen Schichten viele Menschen gar nicht wahlberechtigt waren, da sie die nötigen Papiere (Geburtsschein, Identitätskarte) nicht vorweisen konnten, ist dieses Wahlresultat um so erstaunlicher.


Ironischerweise machten die bürgerlichen Parteien den amerikanischen Botschafter für das gute Abschneiden der Sozialisten mitverantwortlich. Der warnte nämlich die bolivianische Bevölkerung kurz vor dem Wahlsonntag öffentlich davor, ihre Stimmen den Sozialisten zu geben, was nach Meinung der Verlierer eine Trotzreaktion im Volk provoziert habe.

Wie dem auch sei, erstmals ist nun in Bolivien die Opposition auch im Parlament vertreten, während sie bisher nur mit Strassenblockaden und Protestmärschen Aufmerksamkeit für ihre Anliegen erringen konnte.

Die geschlagenen Populisten (NFR: 20.91%) zeigten sich als schlechte Verlierer und sprachen von Wahlbetrug, wobei sie jedoch bis heute die Beweise für diese schwere Anklage schuldig blieben.

Wahlenresultate Parlament

Das gute Abschneiden der Opposition brachte das politische Establishment arg ins Schwitzen, da nun die Gefahr drohte, dass das neue Parlament Evo Morales zum neuen Präsidenten wählte.
In zähen Verhandlungen versuchten die Neoliberalen verzweifelt, eine Regierungspartnerin zu finden und wurden schliesslich in der "Opportunisten"-Partei (MIR: 16.3% der Stimmen) des ebenfalls ehemaligen Präsidenten Jaime Paz Zamora fündig. Nach bekannter Sitte wurde die "Beute" unter den beiden Parteien aufgeteilt: 40% der Ministerien und 5 der 9 Präfekturen für die Partnerin MIR, der Rest für die Sieger-Partei MNR. So konnte am 6. August - zur grossen Erleichterung für alle, die Reichtum und Macht besitzen -
Goni als neuer Präsident vereidigt werden.
Er muss nun eine ganz andere Situation meistern als während seiner ersten Amtszeit:
  • im Parlament sitzt eine starke Opposition, die neue Gesetze verhindern kann;
  • soziale Konflikte werden vermehrt auf der Strasse ausgeführt;
  • Geduld und Glauben der Bevölkerung gegenüber dem politischen Establishment sind nahezu aufgebraucht; und
  • viele Menschen können Goni die während seiner Amtzeit durchgezogenen Privatisierungen, welche u.a. viele Minenarbeiter ins arbeitslose Elend stiessen, nicht verzeihen.

Eine erste Machtprobe wird die Auswahl eines Hafens an der chilenischen oder peruanischen Küste sein, über den Bolivien Gas in die USA exportieren möchte.
Bolivien besitzt riesige Gasvorkommen, welche die Regierung in einen Geldregen zugunsten der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes verwandeln will. Die am Gasprojekt beteiligten Multis bevorzugen den Bau einer Pipeline zu einem chilenischen Hafen, jedoch gibt es im Volk starken Widerstand dagegen, gilt doch Chile seit vielen Jahrzehnten als Erzfeind von Bolivien: im Pazifik-Krieg gegen Chile von 1879 verlor Bolivien seinen Zugang zum Meer. Mit Autoaufklebern und Demonstrationen wird daher immer wieder der Export des Gases über einen peruanischen Hafen gefordert.
Die sozialistische Opposition will hingegen nichts vom "Verscherbeln des Silberschatzes" wissen und verlangt vielmehr die Verstaatlichung der privaten Gas- und Öl - Konsortien im Land.
Die neue Regierung hat sich nun drei Monate Zeit ausbedungen, bis sie die Frage des Gasexportes lösen will, wobei der Präsident schon klar gemacht hat, dass er in dieser Frage in keinem Fall das Volk per Referendum entscheiden lassen will.

Es liegt also viel politischer Zündstoff in der Luft und es bleibt zu hoffen, dass sich alle Akteure dieser noch jungen Demokratie an die verfassungsmässigen Spielregeln halten werden.


Lebenskosten

Unser Einsatz wird nicht mit einem Lohn, sondern mit der Vergütung der (ortsangepassten) Lebenskosten abgegolten. Die Höhe dieser Lebenskosten wird in Zusammenarbeit mit der örtlichen Koordination und der Geschäftsstelle von INTERTEAM jährlich festgelegt. In der Schweiz werden die nach Schweizer Recht geltenden Versicherungen (AHV/ALV; Krankenkasse, Pensionskasse) sowie eine Wiedereingliederungssumme von INTERTEAM mit Hilfe von Bundesgeldern gedeckt. Die Lebenskosten werden teils von der Partnerorganisation und teils von INTERTEAM bezahlt.
Da INTERTEAM jedoch nur zu 70% von Bundesgeldern finanziert wird, müssen die restlichen 30% über Fundraising und Spenden eingeholt werden. Wer spenden möchte, kann seinen Beitrag an folgendes Konto überweisen:
PC-Konto 60-22054-2,
Spendenvermerk: Einsatz Daniel Ott, Bolivien,
oder: Einsatz Irene Fröhlicher, Bolivien,
INTERTEAM, Untergeissenstein 10/12, 6000 Luzern 12.

Bei der Gelegenheit möchten wir all jenen ganz herzlich danken, die uns bereits eine finanzielle Unterstützung haben zukommen lassen, ganz besonders unseren Eltern. Eure finanziellen Beiträge gelten als Zeichen der Solidarität des "Nordens" mit dem "Süden": wir sind weiterhin auf Eure Unterstützung angewiesen.
Hier einen Überblick über die für uns festgelegten Lebenskosten (LK) für das Jahr 2002 in CHF:

Mietzinse inkl. NK 6080
Lebensmittel 3490
Transport 2690
Kleidung 660
Kommunikation 1000
Freizeit und Ferien 1570
Sicherheit 780
Total 16'270
Finanzierung der LK
Jahresbeitrag AOPEB/CPILAP 1900
Jahresbeitrag
Fe y Alegría
1900
Spenden, INTERTEAM 12'470




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INTERTEAM ist eine Organisation der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit. INTERTEAM vermittelt und begleitet freiwillige Fachleute in Einsätze nach Afrika, Lateinamerika und Papua Neuguinea. In zehn Ländern geben rund 100 Mitarbeitende ihre Berufskenntnisse weiter.
Voraussetzungen für einen Einsatz sind eine abgeschlossene Berufsausbildung mit Berufspraxis und die Bereitschaft zu einem 3-jährigen Einsatz.
INTERTEAM ist eine ökumenische Organisation, die sich für die Werte Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzt. INTERTEAM wurde 1964 gegründet und hat seinen Sitz in Luzern Die Finanzierung erfolgt durch den Bund, das Fastenopfer und Spenden.
Internet: www.interteam.ch
E-mail: interteam@bluewin.ch
Tel. 041 360 67 22, Fax 041 361 05 80

INTERTEAM ist ZEWO-anerkannt.

Zewo Das ZEWO-Gütesiegel für den gewissenhaften Umgang mit Spendengeldern. Sie begegnen diesem Gütesiegel auf Drucksachen und Einzahlungsscheinen von gemeinnützigen Institutionen in der Schweiz.
Die ZEWO (Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen) verleiht es jenen Institutionen, deren Spendengelder uneigennützig für den angegebenen Zweck verwendet werden.


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