Ecos de La Paz 03 / Septiembre 2002

Ein Jahr Einsatz für das
"Interkulturelle Lernen & Zweisprachigkeit in städtischem Gebiet (El Alto)"

Zwischenbericht & Infos aus dem Projektumfeld

THEMEN
1. Zielsetzungen des Einsatzes ¤ 2. Standortbestimmung ¤ 3. Schwierigkeiten? ¤ 4. Aussichten
Ecos aus dem Projektumfeld: Identität und Sprachverlust der indigenen Völker im Allgemeinen, und der Aymaras im Speziellen

1. Zielsetzungen des Einsatzes

  • Einführung von zweisprachigem und interkulturellem Lernen an 2 Pilotschulen.
  • Bei erfolgreicher Durchführung (nach 3 Jahren), Ausweitung der Erfahrung auf andere Schulen in anderen bolivianischen Städten.

2. Standortbestimmung

Der Einsatz bei Fe y Alegría begann am 1. Juli 2001. Das erste Halbjahr habe ich hauptsächlich zur Einarbeitung, für Abklärungen und erste Weiterbildungsveranstaltungen verwendet:

  • Unter Einarbeitung fällt das Studium der institutionellen Ansätze von Fe y Alegría, der Bildungsreform, der theoretischen Grundlagen zu zweisprachigem und interkulturellem Lernen, sowie das Erlernen der Aymara Sprache. Auch Kontakte knüpfen zu verschiedenen Institutionen, wie die Bildungsreform, Forschungsstellen, Bibliotheken, Schulen etc. gehörten dazu.
  • Abzuklären war bei zwei Schulen, die vom Departamentalen Büro La Paz für das Experiment ins Auge gefasst worden waren, ob die Bedingungen dafür gegeben sind: durch Unterrichtsbeobachtung habe ich mir eine Vorstellung vom Alltag in der Schulklasse und von der Arbeitsweise der Lehrer/innen gemacht; mit Hilfe eines Fragebogens die linguistischen Voraussetzungen und persönlichen Einstellungen sowie die Weiterbildungsbedürfnisse der Lehrer/innen erhoben; durch Auswertung bereits vorliegender statistischer Erhebungen habe ich die Sprachsituation der Schüler/innen analysiert. Im Gespräch mit den Direktorinnen und den Lehrenden wurde schliesslich die Entscheidung getroffen, ob und wie mit dem Experiment begonnen werden soll. Die zuerst angefragte Schule ("Fernando Bravo") antwortete recht überzeugt positiv und liess sich noch im November auf eine zweiwöchige Weiterbildung ein. Die zweite Schule ("Jesús María") wollte ihre Entscheidung nicht überstürzen und zog die Sache etwas hinaus. In Fernando Bravo gaben im Durchschnitt 63% der Schüler/innen an, Aymara als Muttersprache zu haben, in "Jesús María" gar 84%.


  • Die Bereitschaft der Schule "Fernando Bravo", noch Ende Schuljahr 2001 einen Weiterbildungskurs zu absolvieren, nutzten wir zu einem zweiwöchigen Aymarakurs. Da die Absicht war, im neuen Schuljahr (ab Februar 2002) Teile des Unterrichts auf Aymara einzuführen, musste sobald als möglich mit der Sprachausbildung der Lehrenden begonnen werden. Die Lehrergruppe bestand einerseits aus Muttersprachler/innen, welche ihre Sprache jedoch nicht lesen & schreiben konnten, und andererseits aus Fremdsprachenlerner/innen, die höchstens ein paar Brocken verstanden. Erschwerend kam ein organisatorisches Problem hinzu: Da meine Aktivitäten im ersten Halbjahr im Jahresbudget von Fe y Alegría nicht vorgesehen waren und ich daher meine Ausgaben vom allgemeinen Budget für Primarschulbetreuung abzwacken musste, lag es finanziell nicht drin, dass ich professionelle Aymaralehrer/innen zur Anweisung der Gruppe anstellen konnte. Daher packte ich die Chance und stellte in gewohnt intensiver Arbeitsweise eine Aymara Werkstatt auf die Beine, die ein doppeltes Ziel verfolgte: dem Publikum Aymara als Zweitsprache und gleichzeitig die Werkstattmethode näher bringen. Die Werkstatt liess sich sehen, doch schwankte ob der intensiven Modalität (zwei Wochen jeden Tag 3 Std.) mit der Zeit die Disziplin der Kundschaft, und auch konnten die spezifischen Bedürfnisse der Muttersprachler nur in begrenztem Masse befriedigt werden.

Im zweiten Halbjahr (Januar bis Juni 2002) startete nach der Jahres und ersten Trimesterplanung sowie entsprechender Budgetbewilligung das Experiment in den Schulklassen. Inzwischen hatte auch die zweite Schule sich ein Herz gefasst und hinter meinem Rücken mit Aymarastunden begonnen und beschlossen, allwöchentlich zwei Stunden für systematische Weiterbildung aufzubringen. Die erste Schule wollte/ konnte die Weiterbildungstermine nicht mit derselben Regelmässigkeit festlegen und einhalten. Meine Aktivitäten bestanden in diesem Semester hauptsächlich aus der Planung und Durchführung der Weiterbildung sowie der Unterrichtsbeobachtung, welche die Umsetzung des Weiterbildungsstoffs begleitete.


  • Die Weiterbildung haben wir alternierend geplant: eine Woche Aymara, und zwar jeweils in zwei Gruppen (Muttersprachler/innen und Zweitsprachlernende separat); die Woche darauf Sitzungen zu allgemeiner Lese und Schreibdidaktik sowie Zweitsprachendidaktik.
  • Im alltäglichen Unterricht waren dann in einigen Fällen Änderungen festzustellen, in anderen wiederum nicht.
  • Als flankierende Massnahmen habe ich an Elternversammlungen Informationen zum Nutzen der Zweisprachigkeit und der Notwendigkeit interkultureller Kompetenzen weitergegeben.
Halbjährlich finden Treffen der "Techniker/innen" aus allen 9 Departamenten Boliviens statt, an denen einmal die Planung und das andere Mal Evaluation durchgeführt wird. Es tat dabei gut, bei der Gelegenheit Bekanntschaft mit Kolleg/innen zu schliessen und sich über gemeinsame Arbeitsthemen auszutauschen.

Im Juni war ich drei Wochen in der Schweiz, u.a. auch um Material zu Theorie und Praxis des Interkulturellen Lernens zu sammeln und damit eine Erweiterung und Kontrastmöglichkeiten für die hiesige Arbeit zu gewinnen.
All denen, die mir bei dieser Gelegenheit ihre Zeit für Auskünfte und Beratung sowie Material geschenkt haben, möchte ich hier nochmals herzlich danken.

3. Schwierigkeiten?

Gibt es sie denn und wo liegen sie?

Schwierigkeiten gibt es schon, sind jedoch in den beiden Schulen unterschiedlich gelagert:

  • In der ersten Schule sind sie massiv: es fehlt den Lehrenden zuallererst die Motivation, um irgendwelche Änderungen an ihrer herkömmlichen Unterrichtspraxis vorzunehmen. Ich führe es vor allem auf die miserable Entlöhnung der Lehrer/innen zurück, kombiniert mit deren schwachem Willen zu Veränderungen und Selbstüberwindung. Fe y Alegría ist leider nicht imstande, materielle Anreize für Mehrleistungen anzubieten: die Lehrerlöhne werden vom Staat bezahlt und dessen Bonusversprechungen für zweisprachig Unterrichtende werden nicht eingehalten. Auch ist die Lehrerschaft an dieser Schule gespalten: die einen machen mit, leisten dadurch Mehraufwand, andere können oder wollen nicht. Diese Situation besteht nicht nur im Hinblick auf unser Experiment, sondern auch in anderen Bereichen und mit anderen Techniker/innen von Fe y Alegría. Daher versuche ich, mich persönlich davon abzugrenzen und den Optimismus zu bewahren; doch ist die Weiterführung des Experiments an dieser Schule für mich in Frage gestellt.

  • In der zweiten Schule ist die Motivation weit höher und die Lehrerschaft zieht an demselben Strick; doch die Aymarakenntnisse sind noch sehr unterschiedlich und erlauben es z.T. nur bedingt, den Unterricht in dieser Sprache abzuhalten. Das wird noch etwas Zeit brauchen. Es gibt dabei aber durchaus mustergültige Beispiele für die Aneignung von Sprachkenntnissen und Anwendung guter Zweitsprachdidaktik. Diese Erfahrungen lassen gute Hoffnung auf Erfolg aufkommen.

4. Aussichten

Um dem Zerfall und der schwindenden Motivation der Lehrergruppe an der ersten Schule zu entgegnen, muss die Strategie angepasst werden. Nachdem es bei der AymaraSprache den Lehrer/innen frei gestellt war, nach ihren Möglichkeiten mitzumachen und/oder sich mit ihren muttersprachlichen Kollegen zu organisieren, haben sich einige aus der Verantwortung gestohlen. Nun, die Zweisprachigkeit war lediglich eine Hälfte des ursprünglichen Anliegens; bleibt noch die andere Hälfte das interkulturelle Lernen. Der Aufbau dieses Strangs geht in groben Zügen von der Kenntnis und Bewusstmachung über die indigene(n) Kultur(en), mit denen sich ein guter Teil der Lehrerschaft identifiziert fühlt, über die Kontrastierung zur westlichen Denk und Lebensart hin zu einem kritischen und aufrechten Selbstverständnis.
Mit einer Reihe von Fragen wurden die Themen erhoben, für welche sich die einzelnen Lehrenden interessieren. Dazu erhalten sie nun Dokumente zur Lektüre und den Auftrag, die daraus gewonnenen Erkenntnisse ihren Kolleg/innen vorzutragen. Es bleibt zu hoffen, dass damit Motivation, Zusammenhalt und Austausch der Lehrenden unter sich verbessert, und auch neue Impulse für die Bearbeitung von kulturellen Themen im Unterricht gegeben werden.
Ein neuer Stern am Horizont stellt die Anfrage einer Schule aus dem Zentrum von La Paz dar, welche nach einem Aymara Kulturfestival nun an einer systematischen interkulturellen Arbeit der ganzen Schule interessiert ist und gegenwärtig um Orientierung bittet.


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Ecos aus dem Projektumfeld: Identität und Sprachverlust der indigenen Völker im Allgemeinen, und der Aymaras im Speziellen

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