Ecos de La Paz 03 / Septiembre 2002

Ecos aus dem Projektumfeld
Interkulturelles Lernen & Zweisprachigkeit in städtischem Gebiet (El Alto)

Identität und Sprachverlust der indigenen Völker im Allgemeinen,
und der Aymaras im Speziellen

Erschreckende Zahlen aus der letzten Volkszählung (2001)

Im letzten Rundbrief hatten wir von der Volkszählung berichtet, die einen Tag lang das ganze Land still legte. Nun sind die Resultate publik und… alarmierend.
Was soll man z.B. davon halten, dass seit der letzten Volkszählung (1992) der Anteil der Bevölkerung ab 15 Jahren, welche sich mit einer der (über 30) indigenen Ethnien im Land identifiziert, von XY auf 62% gesunken ist? Wenn man weiss, dass sich das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Ethnien zu einem grossen Teil auf die gemeinsame Sprache stützt, packt einen beim nächsten Zählungsresultat das Grauen: von der Bevölkerung über 4 Jahren sprechen gerade noch 35% eine indigene Sprache (1992 waren es noch 58% gewesen!).
Die indigenen Sprachen, und damit auch ihre Kulturen, sind ernsthaft bedroht und bedürfen ernsthafter politischer und bildungspolitischer Anstrengungen, wenn diese Vielfalt nicht zur Legende verkommen will!!


Im Gespräch mit einem Lehrer aus El Alto zum Thema Identität

Im Rahmen einer Weiterbildungssitzung ergab sich folgendes Gespräch mit Román, einem ca. 40jährigen Primarlehrer :
-Was bedeutet es für Dich, Bolivianer zu sein?
-Wir sind hier geboren, leben hier. Wir tun etwas für das Vaterland. In unserem Beruf helfen wir dem Vaterland, denn wir schmieden die neuen bolivianischen Kinder, welche Morgen das Land anführen werden.
-Was empfindet Ihr denn bei der hora cívica (1) ?
-Wir identifizieren uns als Bolivianer, mit den Farben der Fahne.
-Inspiriert Euch die bolivianische Fahne auf irgendeine Art?
-Wir fühlen uns als ein Teil von ihr.
(Eine andere Lehrerin meint dazu:) -Es ist ein Symbol, das uns Respekt einflösst, wir erweisen ihm unsere tief empfundene Verehrung.
-Mit welcher Kultur identifizierst Du Dich?
-Mein Vater ist aymara und kommt aus Patacamaya, meine Mutter ist quetschua, aus der Nähe von Sucre. Aber ich habe immer in der Stadt gewohnt. So bin ich also ein Städter, aber aus der aymara und quetschua Kultur.

(1) Jeden Montag morgen stellen sich die Schulkinder in Reih und Glied im Schulhof auf und singen die Nationalhymne, während die bolivianische Fahne gehisst wird.



-Sprichst Du beide Sprachen?
-Nein.
-Inwiefern identifizierst Du Dich dann mit den Aymaras und Quetschuas?
-Einfach nur weil ich mit dieser Abstammung geboren bin, weil mein Vater aymara und meine Mutter quetschua waren.
-Was hast Du kulturell von ihnen mitgenommen?
-Von meiner Mutter wohl das Essen. Sie kochte immer Gerichte aus ihrer Herkunftsgegend bei Sucre…
-Kennst Du die Herkunftsorte Deiner Eltern?
-Da meine Eltern in der Stadt wohnten, kehrten wir nicht mehr an diese Orte zurück. Mein Grossvater verlor seine Ländereien und mein Vater wurde arbeitslos. Meine andere Grossmutter verkaufte ihr Haus in Zudañez bei Sucre auch, und so sind wir seit 2025 Jahren nicht mehr dort gewesen. Die Verwandten haben wir aus den Augen verloren. Würden wir uns auf der Strasse begegnen, würden wir uns bestimmt gar nicht erkennen.
-Du fühlst Dich als Aymara, aber die Leute hier, sehen sie Dich als einen Weissen, einen Mestizen oder als was?
-Ja, wenn ich mit Aymaras zusammen bin, bitte ich sie, nicht Aymara, sondern Spanisch zu sprechen; dann sagen sie "q'arizo" zu mir, so wie man die Weissen beschimpft.
-Und was geht in solchen Momenten dann bei Dir vor?
-Na ja, dann kann ich nicht anders als es über mich ergehen zu lassen. Wenn ich halt kein Aymara spreche,dann gehöre ich eben nicht dazu.
-Was ist das für ein Gefühl?
-Ich fühle mich dann schon diskriminiert, weil es gibt da Bräuche, Dinge, die noch in mir drin sind.
-Löst das bei Dir einen Konflikt aus?
-Nein, weil… das Leben in der Stadt verändert uns, zwingt uns seine städtischen Sitten auf: wir schauen fern, hören Radio, haben eine Stereoanlage, ein Wohnzimmer und andere Dinge, die nichts mit der Aymarakultur zu tun haben.
-Was würden die "echten" Aymaras anstatt dessen tun?
-Sie arbeiten im Feld, gehen früh schlafen, sind es so gewohnt, und dann haben sie nicht so grosse Fenster. Auch brauchen sie keinen Sessel, sie setzen sich mit ihrem Schafsfell irgendwo auf den Boden und sind wohl. Beim Essen gibt es auch Unterschiede: sie ernähren sich vor allem von Kartoffeln, chuño, tunta , oca , machen charque (2) , Lamm. Ich kenne diese Dinge zwar, konsumiere sie aber nicht, weil ich es nicht gewohnt bin. Meine Mutter kochte eine andere Art von Gerichten: mehr Mais und so...

(2) chuño und tunta sind zwei Sorten von luftgetrockneten Kartoffeln; oca ist ein andines Wurzelgewächs und charque ist gepökeltes Lamafleisch.

Jesús María
Bei der Planung für das Jahr 2003, v.l.n.r.:
Alfredo (Techniker von Fe y Alegría); Alfredo, Elvira, Esther, Luisa, Julieta (Lehrer/innen von "Jesús María"), Max (Asesor Pedagógico)
Fernando Bravo
Einige Lehrer und Lehrerinnen der Schule "Fernando Bravo":
Justo, Juana, Miriam, Eva, Lidia, Román

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