Ausflug in den Urwald

Begegnung mit Kultur und Lebensraum der

 

indigenen Völker Mosetén und Chimán.

Unsere Begegnungsreise in den Urwald begann am Gründonnerstag Morgen früh mit der Fahrt zum Militärflughafen in El Alto, der gleich neben dem zivilen Flughafen liegt. Die bolivianische Flugwaffe betreibt eine kleine zivile Fluggesellschaft die Inlandflüge durchführt, so auch nach Rurrenabaque. Die Propellermaschine, in der etwa 60 Passagiere Platz finden, flog mit einer Stunde Verspätung, dafür aber ohne Probleme nach Rurrenabaque, wo wir eine Stunde später ankamen.

Rurrenabaque ist einer der Tourismus-Magneten in Bolivien und liegt 430 Kilometer südlich von der Hauptstadt La Paz auf einer Höhe von 350 m.ü.M. Rurrenabaque hat sich dank der Tourismusindustrie in den letzten paar Jahren von einem unbedeutenden Urwalddorf zu einem regionalen Zentrum mit über 10'000 BewohnerInnen gemausert.

Die Hauptattraktionen von Rurrenabaque sind die in unmittelbarer Nähe gelegenen Nationalparks Madidi, Pilón Lajas, Isiboro Securé sowie der Fluss Beni, der den Zugang zu den verschiedenen Nationalparks ermöglicht. Im Ort selber hat es in paar Hotels, Telefon, Internetanschluss, fliessend Wasser und Strom während 24 Stunden, alles Dinge, die im ländlichen Bolivien gar nicht selbstverständlich sind.

Am Flughafen von "Rurre" erwarteten uns 26 Grad im Schatten und Erwin, ein Mosetén-Indígena, der sich als unser persönlicher Reiseleiter, sprich "guía" für die kommenden Tage vorstellte.

Zunächst brachte uns Erwin ins Büro des Tourismus-Unternehmens "Mapajo", wo uns der für den Verkauf verantwortliche "Comercializador" - auch ein Indígena - das Programm für die nächsten Tage sowie das Unternehmen "Mapajo" vorstellte.

Mapajo ist ein Tourismus-Projekt (http://www.palouse.net/alanperry/mapajo.html) von 6 Indígena-Dörfern mit rund 300 EinwohnerInnen, die mitten im Dschungel des Pilón Lajas - Naturreservates leben. Die Mosetén und Tsimane Indianer haben - unterstützt von ausländischen Geldgebern - ein kleines Öko-Hotel aufgebaut,...

... bestehend aus vier Pavillons mit je zwei Betten, welche in traditioneller Bauweise und aus lokalen Materialien, wie verschiedenen Holzarten und Palmblättern für das Dach, errichtet wurden. Ein Unterschied zu den traditionellen Behausungen ist der millimeter-feine Maschendraht, der die Hütten umspannt und somit die zahlreich herum­schwirrenden Blutsauger am Eindringen hindert. Zudem gibt es eine saubere Dusch- und WC- Anlage, eine kleine Bibliothek mit Hängematten und die Küche mit Essraum.

(Foto -> Quelle 1)

Das in zweijähriger Gemeinschaftsarbeit entstandene und seit einem Jahr funktionierende Unternehmen wird von den Indígenas selbständig geführt. Sie haben ein Rotationssystem eingerichtet, so dass alle Interessierten jeweils ein paar Tage als Führer, Bootsfahrer, Köchin oder Putzequipe arbeiten und somit einen finanziellen "Zustupf" verdienen können. Die Gewinne des Unternehmens werden nicht an die Gemeinden direkt ausbezahlt, sondern kommen in Form von Projekten wie zum Beispiel die Installation von Trinkwasser oder die Bezahlung des Lohnes des Dorflehrers der Allgemeinheit zu Gute.

Nach dieser interessanten Einleitung wurden wir mit einem auf der Grundlage eines riesigen Baumstammes errichteten Bootes, das mit einem Aussenbordmotor angetrieben wird, den Fluss Beni hinaufgefahren. Dies ist ein breiter Amazonasfluss, voll von mitgeschwemmten Baumstämmen und Sandbänken, die kleine Inseln bilden, so dass der Bootsfahrer immer genau beobachten muss, wo der Fluss tief genug ist für eine Durchfahrt.

Rio Beni (Foto -> Irene)

Wie die Fahrt mit dem Boot schlängelt sich auch der Fluss in weiten Bögen durch den Urwald, der je weiter die Fahrt geht immer dichter wird.

Nach rund zweieinhalb Stunden Fahrt bogen wir in den Quiquibey-Fluss ein und erreichten schon bald das Indígena-Dorf Quiquibey de Asunción, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das Öko-Hotel liegt.

Asunción de Quiquibey (Foto -> Quelle 1)

Wir richteten uns in unserem Pavillon ein und liessen uns anschliessend mit einem schmackhaften Nachtessen verwöhnen, bestehend aus im Dorf angepflanztem Gemüse, Früchten, einem Poulet, Reis, Pommes-Frites und frisch gepresstem Grapefruit-Saft.
Wir waren die einzigen Gäste und konnten so ungestört den seltsamen Vogelstimmen und Grillengesängen lauschen, bevor wir schon bald unter die Moskitonetze krochen.

Am anderen Morgen wurden wir mit einem feinen "Zmorgen" geweckt. Dann führte uns unser "guía" Erwin hinunter zum Fluss, wo ein Boot bereitstand. Auch die Köchin mit zwei Töchtern und einem Säugling, der lokale Programmkoordinator sowie der Bootsführer kamen mit aufs lange Boot. Wir fuhren rund eine Stunde flussaufwärts.
In einer Flusskrümmung stiegen wir aus und erhielten je eine Nylon-Schnur mit einem Haken daran. An die Haken wurden fette Würmer oder Fleischstücke gespiesst und nach mehreren hilflosen Versuchen, gelang es uns den Haken bis in die Mitte des Fluss zu werfen. Schon nach wenigen Minuten zog Erwin einen dicken, kräftig zappelnden Fisch an Land. Wir spürten zwar immer wieder, dass jemand an unserem Wurm zupfte, konnten aber dennoch keinen Fisch an Land ziehen.

Später fuhren wir ein Stück den Fluss hoch und liessen die Köchin mit ihren Kindern an einem Sandstrand aussteigen, damit sie die Feuerstelle einrichteten und mit der Zubereitung des  Mittagessens begannen. Etwas später kehrten wir nochmals zurück um der Köchin einen besonders feinen Fisch zu übergeben, der unser Bootsführer gefangen hatte.

Wir versuchten es weiterhin voller Zuversicht und siehe da, plötzlich hatte die Nylon-Schnur von Irene kräftig Zug. Nach einem anstrengenden Seilziehen gelang es ihr, den Fang aufs Boot zu ziehen: einen grossen Zitterrochen, der mit seinem gefährlichen Stachel wild um sich schlug. Der Zitterrochen hat vor allem medizinischen Wert, da seine Leber gegen Lungenentzündungen hilft.

Irenes Fang (Foto -> Irene)


Daniel zog noch kurz vor dem Mittagessen einen kleinen Fisch an Land, den wir fürs Nachtessen aufgesparten. Dafür, dass wir beide das Erstemal fischten, waren wir recht erfolgreich, überleben könnten wir damit wohl (noch) nicht.
Die Köchin hatte den Fisch in Blätter eingewickelt und auf glühenden Kohlen langsam gar werden lassen. Dazu servierte sie Reis und "Kabissalat". Es schmeckte vorzüglich.


Nach dem Essen machten wir unseren ersten Spaziergang im Urwald. Dabei entdecken wir auf einem Baum eine vierköpfige Familie der Maneche-Affen (Red Howler Monkey). Unser "guía stiess einen speziellen Ruf aus und provozierte damit den Vateraffen, so dass dieser wütend hin und hertanzte und herumschimpfte.

Maneche (Quelle ->1)


Anschliessend kamen wir an einem kleinen Sumpf mit riesigen Königspalmen vorbei, auf denen grosse blau-gelbe Papageien ihren Schlafplatz hatten.

Als wir schliesslich wieder zum Boot zurückkehrten, dunkelte es bereits. Wir liessen das Boot ohne Motor den Fluss hinuntertreiben und lauschten andächtig den vielfältigen Stimmen, Pfiffen und Rufen aus dem Urwald. Unsere Reiseleiter tasteten mit einer Taschenlampe die Ufer ab, wo immer wieder rotglühende Augen der dort lauernden Alligatoren auftauchten.

Spät in der Nacht erreichten wir unser Hotel, wo wir nach einem reichhaltigen, aber leichtverdaubaren Nachtessen mit selber gefangenem Fisch zufrieden in unsere Betten schlüpften.

Alligator (Foto -> Quelle 2)


Königspalmen (Foto Irene)

Am anderen Tag unternahmen wir zwei weitere spannende Exkursionen in den Urwald. Wir erfuhren viele interessante Dinge über die Pflanzen und Tierwelt. So dienen unzählige Blätter und Baumrinden als medizinische Heilmittel.

Pflanzen als Heilmittel (Foto -> Irene)

Der laufende Baum (Foto -> Irene)

Tierspuren (Foto -> Irene)


Wir sahen zahlreiche Spuren von Tieren sowie Hülsen von Früchten, die als Nahrung dienten. Faszinierend waren auch die riesigen Urwaldbäume, die mächtig über unseren Köpfen thronten.

... Bienennest

Die Streifzüge durch den Urwald waren auch darum so spannend, weil unser "guía" Erwin - im Alltag Möbelschreiner - nicht auswendig aus einem Lehrbuch zitierte, sondern den Urwald wie seinen eigenen Proviantsack kannte. Sein Wissen beruhte auf eigenen Erlebnissen sowie den traditionellen Erfahrungen, die seit Jahr­hun­derten an die nächste Generation über­liefert werden.

Am letzten Tag besuchten wir das nahe gelegene Indígena-Dorf Asunción de Quiquibey. Die DorfbewohnerInnen waren ein wenig aufgeregt, da der Besuch der Fussballmannschaft aus der Nachbarschaft erwartet wurde. Den ganzen Vormittag waren sie mit dem Schneiden und Rechen des Dorfplatzes, der zugleich als Fussballplatz dient, sowie dem Zimmern von zwei Fussballtoren aus dünnen Holzstämmen beschäftigt.

Hohe Bäume mit .... (Foto -> Irene)

In Asunción de Quiquibey wurden uns verschiedene Handwerkstechniken wie Spinnen, Weben, Schnitzen von Pfeilbogenspitzen, Flechten, oder das Pressen von Zuckerrohr und das Schälen von Reis vorgeführt.

Die drei, mit Flöte, Trommel und Tambour ausgerüsteten Dorfmusiker spielten uns ein paar traditionelle Tanzweisen vor.

Ein Korb entsteht (Foto -> Irene)

Nach dem Mittagessen fieberten wir noch die Schlussphase des unter der glühenden Mittags­sonne
ausgetragenen Fussballspiels mit.
Am Schluss stolzierte die Heimmannschaft siegreich vom Platz.

Schälen bzw. Stampfen des Reises (Foto -> Quelle 2)

Anschliessend kehrten wir in rasender Fahrt mit dem Boot den Fluss hinunter bis nach Rurrenabaque zurück, von wo wir am nächsten Tag in einem fast wolkenfreien Flug wieder nach La Paz bzw. El Alto gelangten.

Flechten von Matten (Foto -> Irene)

Mapajo - Baum (Foto ->; Irene)

Wie Ihr seht, haben wir sehr abwechslungs- und lehrreiche Osterferien verbracht und sind dank Anti-Brumm nicht ganz blutleer zurückgekehrt.

Wir lernten eine neue faszinierende Welt kennen und konnten unsere Sehnsucht nach Pflanzen, Wäldern und warmen Temperaturen stillen.

Nun kühlen wir uns im sonnigen Häuserdschungel von La Paz wieder ab, und gehen mit aufgetankten Batterien unseren interkulturschaffigen Verpflichtungen nach.



 

 

La Paz, April 2003, Irene Fröhlicher und Daniel Ott


Quellen:

  1. Mapajo - Ecoturismo Indigena. Comunidades Indígenas del Río Quiquibey. Asunción de Quiquibey 2002.
  2. Palabras Antiguas y Nuevas del Río Quiquibey. Guiseppe Iamele (Text u. Fotos), Comunidades Indígenas del Río Quiquibey. Asunción de Quiquibey 2001.