Reise in den Süden von Bolivien
Dezember 2001 / Januar 2002

Reisebericht von Irene und Daniel
Für Interteam in Bolivien im Freiwilligen-Einsatz


Die Ferienvorbereitungen bestanden vor allem in der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug, dass den schwierigen Strassenbedingungen in Bolivien gewachsen ist und viel Platz für Mitreisende und Gepäck bietet.
Kaum war das Auto gefunden, so waren auch schon alle Plätze bis auf einen ausgebucht: Carlos (erster von links) und Miriam (nicht auf dem Bild) arbeiten mit Irene bei Fe y Alegría, während wir mit Olga (ganz rechts) und Eli (zweite von links) schon länger befreundet sind.
Am Nachmittag des 26. Dezembers verstauten wir Passagiere und Gepäck in unsere grossräumige Vagoneta und fuhren von Irene kutschiert Richtung Oruro los (Distanz: 242 km / Höhe über Meeresspiegel: 3709 m).
Challa
Bolivianischen Gepflogenheiten entsprechend machten wir schon bald Halt bei einem Curandero, einem traditionellen Heiler, der mittels einer Challa - einem speziellen Zeremoniell, bei dem unter anderem das Auto mit 100%em Alkohol und Bier bespritzt wird - die guten Geister beschwor, uns auf der Reise zu beschützen und wohlversehrt nach Hause zurückzubringen.
La Paz - Oruro
Von allen guten Geistern begleitet erreichten wir auf einer der wenigen Asphaltstrassen nach 3 ½ Stunden Oruro, wo wir eine erste kulinarische Spezialität verspeisten, nämlich Colita (Schwanzansatz der Wirbelsäule eines Lammes).

Am folgenden Tag machten wir das erste Mal ausführlich Bekanntschaft mit Boliviens berühmten Wellblech-Sandpisten, welche das Auto samt Inhalt wie ein hypernervöses Känguru herumhüpfen lassen und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal 30 km pro Stunde zulassen. Staubgetränkt aber glücklich kamen wir nach 10 Stunden Schüttelbecher in Potosi (321 km / 4070 m) an, nur kurz gebremst von einem platten Reifen und einer Geschwindigkeitskontrolle, welche Carlos auf dem kurzen asphaltierten Strassenstück vor Potosí mit 93 statt 80 km/h erwischte.
MinenarbeiterInnen
In Potosí stiegen wir hinab in die engen, dunklen und feuchten Gänge der Minen im Cerro Rico (Reicher Berg), wo seit über 450 Jahren Silber-, Zinn-, Wolfram und andere Mineralien abgebaut werden. Potosí versorgte in seiner Hochblüte im 16./17. Jahrhundert die spanischen Kolonialherren mit unermesslichen Mengen an Silber, zählte rund 160'000 EinwohnerInnen und war mit London, Sevilla oder Venedig eine der reichsten Metropolen der Welt.
Die während der Kolonialzeit abgebaute Silbermenge würde scheinbar dazu ausreichen, um eine Brücke zwischen Potosí und Madrid mit Silber zu pflästern, aber auch mit den Leichen der indianischen Minenarbeiter aus dem Altiplano, welche dazu verdammt waren, unfreiwillig das weisse Gold unter unmenschlichen und lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen dem Berg zu entreissen.
Der Silberboom ist nie mehr nach Potosí zurückgekehrt und seit dem Bankrott der staatlichen Minengesellschaft buddeln nur noch kleine Genossenschaften im Berg herum, ausgerüstet mit den gleichen technischen Arbeitsmitteln und Schutzvorkehrungen wie vor 400 Jahren.
Mienenarbeiter im 30. Jahrhundert
Die Männer bleiben meist 10 bis 20 Stunden in den engen, staubigen Schächten, ernähren sich vorwiegend vom Coca-Blätter-Kauen und verdienen für eine Woche Schwerstarbeit knapp 30 US-Dolar.
Dies reicht nicht aus, um die Familie zu ernähren,...
Mienensiedlung
...welche in äusserst bescheidenen Siedlungen lebt.
Tío
Die wichtigste Figur in den bolivianischen Minen ist der Tío. Die spanischen Kolonialherren führten diesen "Heiligen" ein, da sie die Arbeit der indianischen Minenarbeiter nur schlecht überwachen konnten. Den gläubigen Indígenas wurde eingebläut, dass sich der Tío fürchterlich rächen würde, wenn sie nicht unermüdlich pickelten und schaufelten.
Noch heute opfern die Minenarbeiter vor jedem Eintritt in die Mine dem Tío reinen Alkohol, Zigaretten und Coca-Blätter und hoffen, dafür heil und mit guter Ausbeute aus der Mine zurückzukehren.

Potosí, das heute noch rund 100'000 EinwohnerInnen aufweist, hat viel von seinem kolonialen Charme bewahren können, so dass wir uns in seinen engen Strässlein von dieser eher traurigen Expedition erholen und in Klöstern und Museen die Kunstschätze bewundern, die in den Silberboom-Jahren entstanden sind.
Koloniale Kunst in Potosí
Nach zwei Nächten in Potosí holperten wir in zwei Etappen, mit Zwischenhalt in Camargo (230 km / 2406 m) tief in den Süden von Bolivien hinunter, ...
Potosí - Tarija
...in den Ort des Weines und der Blumen - Tarija (183 km / 1866 m).
In Tarija feierten wir Silvester, besichtigustierten zwei Weinkellereien, erfreuten uns der blumenreichen und fruchtbaren Landschaft und genossen die warmen Temperaturen in den zahlreichen Strassencafés dieses gemütlichen Städtchens. Carlos und ich verbrachten die meiste Zeit bei irgendwelchen Auto-Werkstätten, -Wäschereien, - Pneuflickern und -Elektrikern, um unsere Pferdestärken, die sichtlich Mühe mit der fehlenden Höhe hatten, wieder auf Trab zu bringen.
Von Tarija stiessen wir am 4. Januar in das tropische Tiefland vor, nach Entre Rios (104 km / ca. 700 m / Bild unten), wo üppige Vegetation, sommerliche Temperaturen von 30 Grad und Abertausende von Schmetterlingen unsere Reise begleiteten.
Entre Rios
Wir liessen uns in einem Öko-Hotel etwas ausserhalb von Entre Rios verwöhnen. In der Nacht überraschte uns ein starker Regenschauer, der den lieblichen Fluss, welcher das Hotel von der Strasse trennt und in dessen klarem und warmem Wasser wir tags zuvor noch herumplanschten, in einen milchkaffeebraunen, reissenden Strom verwandelte.
Fluss mit Carlos
Da wir keinen Aussenbord-Motor mitführten, beschlossen wir, das Sinken des Wasserspiegels abzuwarten. Nach einem gemütlichen Tag, den wir mit Würfeln, Lesen und Spaziergängen verbrachten, wagten wir uns schliesslich ins kühle Nass, welches von unserem Auto souverän gemeistert wurde und ihm den Übernamen Sapo blanco (weisser Frosch) einbrachte. Mit nassen Füssen kehrten wir nach Entre Ríos zurück, wo wir die Nacht verbrachten.

Nach einem kurzen und uninteressanten Abstecher ins Grenzstädtchen Yacuiba, dem südlichsten Punkt unserer Reise, tuckerten wir wieder Richtung Norden, wobei unsere Reisegruppe wegen unaufschiebbaren Verpflichtungen auf vier Verwegene zusammenschrumpfte. In Villamontes (148 km / 600 m), das berühmt ist für seine frischen Flussfische, verspeisten wir einen Surubi, der leider stark versalzen war.
Villamontes - Padilla
Die folgenden zwei Tage waren geprägt von 10-stündigen Autofahrten über Stock und Stein, an rasch wandelnder Vegetation vorbei durch fruchtbare Täler ...
Padilla - Sucre 1
...und über karge Berge
Padilla Sucre 2
...bis hinauf nach Sucre (500 km / 2790 m), der weissen Perle von Bolivien.
Sucre
Die reichen Kolonialherren verprassten ihren in den Silberminen von Potosí erbeuteten Reichtum im 162 km entfernten Sucre, das ein angenehmeres Klima aufweist. Die koloniale Baupracht von Sucre ist verblüffend und geben der Stadt, zusammen mit den pikfeinen Bars und Cafés sowie Tausenden von Studenten, ein europäisches Ambiente.
Hier genossen wir die Gemütlichkeit der Patios (Innenhöfe) und liessen uns im ausgezeichneten Museum für Textile-Volkskunst in die Geheimnisse der indigenen Web-Kultur einführen.
Hotel in Sucre
Wir nutzten unseren Ferienstopp in Sucre, um Beat und Barbara mit ihren zwei Kindern zu besuchen, welche als cooperantes auf einem Bauernhof mit Jugendlichen mit speziellen Ressourcen (geistig- oder psychisch behindert) arbeiten (siehe http://www.interlama.net). Sie haben uns den ganzen Betrieb des psycho-pädagogischen Zentrums gezeigt, wovon ihre Finca eine kleine Aussenstation darstellt. Die pädagogischen und architektonischen Konzepte dieses Zentrums für behinderte Kinder hinken dem europäischen Standard noch stark hinterher, hervorgerufen durch Geldmangel und fehlende Ausbildung der BetreuerInnnen.
Leider muss sich auch Beat mehr mit administrativen Kleinkriegen herumschlagen, anstatt seine sozialpädagogischen Kenntnisse zum Wohl der Jugendlichen einzusetzen. Für uns war der Rundgang äusserst spannend und die Plauderstunden mit Barbara und Beat eine Wonne für Herz und Seele.

Viel zu früh mussten wir leider Sucre verlassen, aber unser Wiedereintritt ins Arbeitsleben näherte sich mit riesen Schritten. Da die Strasse nach Cochabamba aufgrund der Regenfälle in einem sehr schlechten Zustand war, beschlossen wir, "in einem Riemen" von Sucre via Potosí und Oruro nach La Paz zu fahren (701 km / 3660 m), wo wir nach 12 Stunden müde aber wohlversehrt eintrafen.
Potosí - Oruro
Somit kehrten wir am 11. Januar nach 17 Tagen und 2850 Kilometern an unseren geschätzten und vorläufigen Wohnort La Paz zurück, zufrieden mit den faszinierenden und abwechslungsreichen Eindrücken, die wir in Begleitung einer aufgestellten und sehr solidarischen Reisegruppe erleben durften.
Nun ziehen wir wieder unsere eigenen Kreise, aber...
...................................................die nächsten Ferien kommen bestimmt! Wer will uns begleiten?

Redaktion: Daniel Ott Fotos: Irene Fröhlicher

La Paz, Januar 2002

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Aktualisierung: 17. September 2002
Anregungen an daniel@interlama.net